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Theaterstück „Deutschland, Deutschland über alles...“

Übung zur (deutschen) Identität

Kategorien

Vom ICH zum WIR

Zielgruppe

Jugendliche und Erwachsene

Gruppengröße

Mindestens 10 Personen

Dauer

Inklusive Vorbereitung und Auswertung 2-3 Stunden.

Ziele

  • Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und nationaler Identität
  • Bewusstmachung einiger Schattenseiten deutscher Geschichte sowie die klare Devise aus der Vergangenheit zu lernen, aber sich auf die Zukunft zu orientieren.

Rahmenbedingungen

Großer Raum für Auditorium und Bühne

Vorbereitung

  • Kopien der Rollen und Regieanweisungen (siehe Ablauf)
  • Zusammenstellen des Materials und Vorbereitung der Bühne

Ablauf

1. Akt
Ein Mann treibt mit einem Gewehr Menschen (z.B. Juden, Sinti und Roma) zusammen. Tritt, schlägt und schießt alle zusammen. Abrupte Ruhe, die Szene erstarrt. Hintergrund: z.B. Ansprache Hitler, Kampflieder, Marschmusik, Gewehrgeratter

2. Akt
Eine Familie mit Kindern auf beiden Seiten der Mauer. Soldaten stehen an der Mauer im Ostteil. Gehen spazieren und erzählen. Jeweils nur eine „Seite“ spielt, die andere erstarrt in der Zwischenzeit.

Osten: Mit Fahnen, fröhlich. Wenn die Kinder auf die immer noch im Hintergrund liegenden Leichen zeigen, weisen die Erwachsenen voller Empörung auf die Westseite – dort leben die Kriegsverbrecher.

Westen: Die Kinder zeigen fragend auf die Leichen: „Ja, eine wirklich schlimme Geschichte. Das darf nicht wieder geschehen. Was wir dagegen tun? Konsequenzen? Natürlich, wir erzählen euch ja davon damit ihr es nie vergesst und die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmt. Die Verantwortlichen bestrafen? Ja einige hat man schon bestraft, aber wisst ihr, die Sache ist so kompliziert, vergessen wir es ansonsten lieber.“

Die Erwachsenen zeigen auf die Soldaten im Ostteil und auf die Leute, die unmoderne Kleidung tragen. Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit.

Osten: Die Menschen bemerken den Unterschied in der Kleidung. Es fällt ihnen auf, dass die Soldaten sie weniger schützen als ausgrenzen und bedrohen. Es entsteht Unruhe, Murren, laute Diskussionen. Die Soldaten wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und sind unsicher, ob sie schießen sollen. Inzwischen geht alles sehr schnell; schon sind die Ersten dabei, die Mauer zu überklettern. Eskalation. Die Mauer fällt. Rührung, Tränen, Freuden­tränen. Alle fallen sich in die Arme. Hintergrund: Osten: Optimistische, zackige Kampflieder; Westen: Alte amerikanische Schlager; Fall der Mauer: Die Nationalhymne

3. Akt
Ganz hinten liegen die Leichen und steht der Soldat. Danach steht die wieder aufgerichtete Mauer. Im Vordergrund:

Fritz Schulze verabschiedet sich von seinen Eltern. Rucksack auf dem Rücken. Geht auf Reisen. Trifft den ersten einer anderen Nationalität, z.B. Italiener. Fröhliches Hallo. Er beginnt eine Unterhaltung. Nach kurzer Zeit fragt der Andere nach den im Hintergrund liegenden Leichen. Fritz ist betreten, versucht davon abzulenken. Der Italiener kann das nicht verstehen. Sie trennen sich mehr oder weniger unfreundlich. Es folgen mehrere Begegnungen nach ähnlichem Muster. Fritz wird immer unzufriedener und ärgerlicher. Schiebt die Sache auf die Deutschen, mit denen er nichts zu tun hat. Er setzt sich frustriert. Blickt sich kurz um, wendet sich jedoch schnell wieder von dem Anblick der Toten ab. Warten. Prüfender Blick, ob ihm niemand zuschaut. Er wendet sich zögernd um und schaut sehr lange. Er steht langsam auf und geht auf die Leichen zu. Bleibt davor stehen. Fällt auf die Knie, hält die Hände vor das Gesicht und sackt in sich zusammen. Italiener geht vorbei, sieht mit Erstaunen den Deutschen bei den Leichen. Nähert sich ihm, berührt ihn, merkt dass ansonsten alles okay ist, Fritz zeigt seine Ohnmacht über die Situation. Beide knien stumm. Der andere steht wieder auf und verlässt das Geschehen. Kommt mit Decken und Blumen zurück. Fängt an die Leichen abzudecken. Fordert Fritz auf ihm zu helfen. Fritz steht auf, nimmt die Mauer und wirft sie auf die Soldaten. Beides fällt zu Boden. Dann decken sie gemeinsam alles ab und legen die Blumen darüber. Sie setzen sich. (Mit dem Gesicht zum Zuschauer)

Schweigen. Da fängt der Italiener an und macht einen Witz über den vollgepackten Rucksack. Fritz muss lachen und ärgert den Italiener seinerseits. Die Beiden machen sich wieder auf den Weg. Vergnügter Abgang.

Hintergrund: Urlaubsmusik, dann keine Musik, am Schluss wieder Urlaubsklänge.

Material

  • Rucksack
  • Blumen
  • mehrere Decken
  • Kassetten oder CDs mit Musik und entsprechende Abspielmöglichkeit
  • eine Mauer und ein Gewehr aus Pappe
  • DDR Papierfahnen
  • einige alte T-Shirts

Auswertung

Je nachdem, wie die Gruppenkonstellation aussieht, ist eine Auswertung mit dem Auditorium denkbar. Zentrales Diskussionsthema ist hierbei der Umgang der heutigen Deutschen mit dieser Schattenseite ihrer Geschichte. In welcher Form diese Auswertung stattfindet, bleibt den jeweiligen Gruppen bzw. deren Leitung überlassen. Bei sehr großen Gruppen ist z.B. eine Podiumsdiskussion mit evaluierendem Charakter denkbar.

Varianten

Da es sich hierbei um ein sehr spezifisches Thema handelt, sind Varianten vor dem Hintergrund deutscher Geschichte eher im didaktischen Rahmen zu überlegen. Natürlich können über andere Nationen der jeweiligen Geschichte entsprechende Theaterstücke entwickelt werden.

Hintergrund

Theaterstück über die deutsche Geschichte in 3 Akten

Deutschland gilt als schwieriges Vaterland. Die Entwicklung eines nationalen Wir-Gefühls oder auch eines Nationalstolzes ist in Deutschland vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sehr ambivalent – ambivalenter als dies in vielen anderen Staaten der Fall ist. Wir-Gefühl bedeutet, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen und diese als Person auch nach außen zu präsentieren. Wir-Gefühle sind bestimmt durch Selbst- und Fremdwahrnehmung, und diese Wahrnehmung kann je nach Kontext stark variieren. Sie sind latent vorhandene Orientierungen, deren Aktivierung begünstigt wird, wenn wir unsere gewohnte Umgebung verlassen, verreisen, ins Ausland gehen. Oft ist dann die erste Frage, woher man kommt. Die einen sind überrascht, sich vor allen persönlichen Merkmalen zuerst einmal als Deutsche/-r outen zu müssen. Andere betonen, man komme zwar aus Deutschland, verstehe sich aber als Europäer/-in. Wieder andere geben zu verstehen, man sei zwar aus Deutschland, wolle aber eigentlich nichts damit zu tun haben – und vermissen dann doch gerade im Ausland einen kollektiven Bezugspunkt. Und natürlich gibt es solche, die sich besonders im Urlaub in der demonstrativen Rolle der von Ausländer(inne)n so wahrgenommenen deutschen Überheblichkeit üben.

Mit der Wiedervereinigung sind diese ambivalenten Gefühle hinsichtlich des deutschen Wir-Gefühls nicht verschwunden, sondern eher stärker bzw. noch differenzierter geworden. Mentalität, (kulturelle) Identität, Kulturstandards, Stereotypen etc. sind zwar Begriffe, die jederzeit heftig diskutiert werden, aber aus dieser Diskussion ließen sich bisher kaum Handlungsmuster ableiten, die Leiter/-innen und Teilnehmer/-innen von internationalen Jugendbegegnungen einen unverkrampfteren Umgang mit diesem Thema ermöglichten.

Die folgende Übung will daher versuchen, einen Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Identität zu ermöglichen, wobei die nationale Identität zur Sprache kommen kann, aber nicht im Zentrum steht.

Quelle

Heinze, P., Gundelach, M., Kästner, H.: Servicepaket Geschichte. Erster Teil des Readers zum Modellseminar „Du deutsch“. Erfurt 1997 (Teil 2: Servicepaket Klischees; Stereotypen; Vorurteile von S. Kumpf, C. Durstewitz. Koblenz; Teil 3: Servicepaket Identität von Y. Mallmann, S. Schilz. Koblenz).