Kinder- und Jugendpolitik - Grundlagen und Strukturen - FI

Jugendverbandsarbeit

Die Tätigkeit der Jugendorganisationen spielt seit über einhundert Jahren eine bedeutende Rolle in der finnischen Jugendarbeit und Jugendpolitik. Der Staat unterstützt Jugendorganisationen seit den 1940er Jahren mit Zuwendungen. Das 1974 in Kraft getretene Gesetz über staatliche Zuwendungen für überregionale Jugendarbeit festigte das bereits zuvor angewandte Beihilfensystem, das auf alljährlich im Staatshaushaltsplan zugewiesenen Mitteln basiert (siehe auch das Kapitel Gesetzliche und finanzielle Grundlagen).

Deshalb gibt es in Finnland eine recht hoch entwickelte Struktur von freien Trägern in der Jugendarbeit. Zirka 51% der 7- bis 29-jährigen finnischen Jugendlichen sind in Sport- oder anderen Verbänden organisiert. Staatlich gefördert werden rund 100 zentrale Organisationen und zwar

  • politische Jugend- und Studierendenverbände,
  • Interessenverbände der Jugend,
  • kultur- und freizeitorientierte Jugendverbände,
  • konfessionelle Jugendverbände,
  • Teenagerorganisationen,
  • sonstige, die Jugendarbeit betreffende Organisationen.

Der größte Teil der Jugendverbände ist im finnischen Jugendrat, der Finnischen Jugendkooperation Allianssi, zusammengeschlossen (siehe Kapitel Kinder- und Jugendpolitik - Grundlagen und Strukturen). Die Jugendverbände - in der Regel vertreten durch Allianssi -, die staatlichen Träger und die Institutionen der Jugendforschung arbeiten eng zusammen – zum Beispiel bei Partizipationsprojekten, gesetzlichen Reformen oder bei der Organisation internationaler Treffen.

Auf lokaler Ebene sind junge Leute vor allen in Jugendorganisationen, Sportclubs, in der Gemeinde oder in Hobbygruppen in den Schulen aktiv. Sie werden dabei von den lokalen Verantwortlichen unterstützt.

Überregionale Jugendverbände
Einen sehr guten Überblick über die überregionalen Jugendverbände in Finnland bietet die Homepage der Finnischen Jugendkooperation Allianssi (www.alli.fi/english).

Glaubensgemeinschaftliche Angebote für Kinder und Jugendliche

In Finnland sind die Evangelisch-Lutherische Kirche und die Orthodoxe Kirche per Gesetz als Volkskirchen festgeschrieben und genießen damit besondere Vorrechte. Die überwiegende Mehrzahl der Finnen gehört der Evangelisch Lutherischen Kirche Finnlands an (83%), doch übt nur ein relativ geringer Teil seinen Glauben aktiv aus.

Das Ministerium für Bildung und Kultur ist in Finnland für die allgemeine Entwicklung der Jugendarbeit und der Jugendpolitik verantwortlich.

Ziel der Jugendpolitik ist es, die Bedingungen zu verbessern, unter denen junge Menschen aufwachsen und leben, und die Interaktion zwischen den Generationen durch sektorübergreifende Zusammenarbeit zu verbessern.

Ziel der Jugendarbeit ist es, junge Menschen beim Wachstum und Übergang in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern.

Die Entwicklung jugendpolitischer Themen wird durch das Regierungsprogramm, das Nationale Programm für Jugendarbeit und Jugendpolitik sowie andere Strategien und Umsetzungspläne der Regierung, einschließlich der Schlüsselprojekte des Regierungsprogramms, bestimmt.

Gemäß dem Jugendgesetz verabschiedet die Regierung alle vier Jahre ein nationales Programm für Jugendarbeit und Jugendpolitik. Das Nationale Programm für Jugendarbeit und Jugendpolitik (2017-2019) auf der Grundlage des Jugendgesetzes und des Regierungsdekrets über Jugendarbeit wurde am 12. Oktober 2017 angenommen.

Der Teil der nationalen Politiken des Programms umfasst fünf jugendpolitische Ziele, die die Regierung für 2017–2019 festgelegt hat:

  1. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat die Möglichkeit, mindestens ein Freizeithobby seiner Wahl zu betreiben.
  2. Die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen wird gestärkt und die soziale Ausgrenzung verringert.
  3. Jugendliche erhalten mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung und Einflussnahme.
  4. Weniger junge Menschen sollen aufgrund vorbeugender Arbeit an psychischen Gesundheitsproblemen leiden.
  5. Jugendliche erhalten eine ausreichende Anleitung und andere Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben.

Nach dem Jugendgesetz ist das Ministerium für Bildung und Kultur in erster Linie die zuständige Behörde, die das nationale Programm für Jugendarbeit und Jugendpolitik in Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Ministerien wie dem Justizministerium, dem Innenministerium, dem Verteidigungsministerium und dem Wirtschaftsministerium umsetzt. 

Mehr Informationen zu den Grundlagen und Strukturen der Kinder- und Jugendpolitik in Finnland sowie zu jugendrelevanten Gesetzen, der Jugendverbandsarbeit, der internationalen Jugendarbeit und Zusammenarbeit gibt es im Youth Wiki, der Online-Enzyklopädie zur Jugendpolitik in Europa.

Jugendinformation

Strukturen der Jugendinformation

Die ersten Schritte in Sachen Jugendinformation und -beratung wurden in Finnland bereits in den 1950er Jahren unternommen. Eine aktive Form der Beratung und Information für Kinder und Jugendliche entstand in den 1980er Jahren in Zusammenarbeit mit lokalen Jugendeinrichtungen und finanziert durch die kommunalen Jugendbehörden.

1991 veröffentlichte das finnische Unterrichtsministerium Empfehlungen zur Jugendinformation, die die Gemeinden ermutigten, weitere Jugendinformationszentren und andere Jugendinformationsdienste einzurichten. Heute besteht das finnische Jugendinformations- und Jugendberatungsnetzwerk aus 30 lokalen Informations- und Beratungszentren, regionalen Portalen und elektronischen Angeboten sowie fünf regionalen Projekten, die alle zusammen rund 50 Gemeinden abdecken. Es ist damit eines der am besten ausgestatteten Jugendinformationsnetze in Europa.

Die finnischen Jugendinformations- und Jugendberatungszentren bieten allen jungen Menschen eine große Bandbreite an Informationen – von Wohnungssuche über Gesundheitsthemen bis hin zu Reiseinformationen. Die Dienste sind kostenlos, persönlich, vertraulich und auf die Bedürfnisse und Wünsche der Klient(inn)en abgestimmt. Die Berater/-innen sind in dem Bereich ausgebildete Expertinnen und Experten.

Das größte und bestausgestattete Jugendinformationszentrum Kompassi (www.kompassi.info/?_lang_id=EN) befindet sich in Helsinki. Hier findet man Informationen, die auch für junge Besucher/-innen Finnlands von Interesse sein können.

Da viele Kinder und Jugendliche in sehr kleinen Städten und Dörfern bzw. dünn besiedelten Gegenden Wohnen, begann man in Finnland früh, internetbasierte Dienste anzubieten. So hatten 2007 77% der 13- bis 24-Jährigen die Möglichkeit, einen Jugendinformationsdienst ihrer Gemeinde online zu konsultieren.

Die finnische Informations- und Beratungsarbeit orientiert sich eng an dem EU-Weißbuch "Neuer Schwung für die Jugend Europas" (2001, Download) und der Europäischen Jugendinformationscharta der European Youth Information and Counselling Agency ERYICA (2004, Download). Beide Dokumente betonen das Recht Jugendlicher auf Information und auf Anhörung sowie die Bedeutung der aktiven Partizipation Jugendlicher. In dem im Jahr 2006 verabschiedeten finnischen Gesetz über die Jugendarbeit wurde die Jugendinformation erstmals aufgenommen und als eine elementare Aufgabe der Gemeinden definiert, was ihr zusätzliche Bedeutung verlieh.

Auf nationaler Ebene fällt die Jugendinformation in die Verantwortung des Unterrichtsministeriums. Es fördert die bestehenden nationalen und regionalen Jugendinformationsstrukturen, Jugendmedienprojekte und die Weiterentwicklung der Jugendinformation und Jugendberatung in Finnland.

Die beiden wichtigsten Partner des Ministeriums sind die Finnische Jugendkooperation Allianssi (siehe Kapitel Kinder- und jugendpolitische Strukturen) und das finnische Eurodesk-Büro (siehe unten "Internationale Kooperationen"). Beide sind aktive Akteure auf nationaler wie internationaler Ebene und bieten auch selbst Dienstleistungen im Bereich der Jugend- und Fachkräfteinformation an. So ist Allianssi Träger des Internetangebots Jugendinfohaus (Nuorisotiedon Talo), das sich an Fachkräfte der Jugendarbeit und junge Leute richtet. Die Datenbank informiert unter anderem über Formen der Jugendarbeit, Lebensbedingungen der Jugendlichen, Jugendforschung und Mobilitätsfragen und kann kostenlos von Jugendhäusern, Schulen, Bibliotheken und Jugendinformationszentren genutzt werden. Zum Jugendinfohaus gehört auch die einzige jugendspezifische Bibliothek (Nuorisotiedon Kirjasto) in Skandinavien.

Zur Koordination und Weiterentwicklung der Jugendinformation wurde 2006 ein nationales Koordinations- und Entwicklungszentrum für Jugendinformation und Jugendberatungsdienste in Oulu (www.nettinappi.fi) eingerichtet. Ziel ist es zum einen, das Jugendinformationsnetzwerk so weiterzuentwickeln, dass alle Jugendlichen über den gleichen Zugang zu den entsprechenden Diensten verfügen. Zum anderen soll eine hohe Qualität der Dienste sichergestellt werden.

Seit Anfang 2008 führt das nationale Koordinations- und Entwicklungszentrum ein Projekt zur Online-Demokratie für Kinder und Jugendliche durch. Aloitekanava.fi (www.aloitekanava.fi, ins Deutsche übersetzt etwa "Initiativenkanal") ermöglicht es Jugendlichen, ihre Ideen zur Verbesserung ihrer Umgebung zu Gehör zu bringen. Jugendarbeiter/-innen moderieren diesen Prozess und leiten die Initiativen an die lokalen Entscheidungsträger/-innen weiter.

Link
www.nuortenelama.fi - Nationales Jugendinformationsportal

Internationale Kooperationen

Finnland ist Mitglied des europäischen Informationsnetzwerkes Eurodesk (www.eurodesk.org), das Jugendliche in allen EU-Mitgliedsstaaten zu Auslandsaufenthalten berät. In Finnland ist Eurodesk beim Centre for International Mobility (CIMO, www.cimo.fi) angesiedelt.

Finnland ist zudem Mitglied bei der European Youth Information and Counselling Agency (ERYICA, http://eryica.org), dem Zusammenschluss der Jugendinformationsangebote auf europäischer Ebene. Die Vertretung bei ERYICA übernimmt Koordinaatti – Nuorten tieto- ja neuvontatyön kehittämiskeskus (Entwicklungszentrum für Jugendinformation und -beratung, www.koordinaatti.fi/en).